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Anja Luithle

 


Nur Papier, und doch die ganze Welt



Zu den Arbeiten auf Papier von Anja Luithle


„Nur Papier, und doch die ganze Welt“, war der Titel einer 2010 gezeigten Ausstellung, in welcher die Graphische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart zum 200jährigen Jubiläum eine Auswahl ihrer Schätze zeigte. Das dem dänischen Autor Peter Høeg entlehnte Zitat wollte nicht nur die Bedeutung des eigenen musealen Sammlungsbestandes hervorheben, sondern ebenso den Ausdrucksreichtum dieser Kunstgattung unterstreichen. Die Zeichnung, als ältestes Verfahren der Bilderzeugung in der Menschheitsgeschichte, gilt als unmittelbarste bildliche Manifestation von künstlerischen Ideen und Bildfindungen. Sie ist mit ihrer Wandlungsfähigkeit und Ausdrucksvielfalt, mit der Verbindung von künstlerischer Autonomie und selbstauferlegter Beschränkung der gestalterischen Mittel ein besonders faszinierendes Kapitel auch in der zeitgenössischen Kunst. Trotz der zunehmenden Verbreitung der neuen Medien hat die Zeichnung in keiner Weise ihre Bedeutsamkeit eingebüßt. Die unerschöpflichen Möglichkeiten in Stil und Material üben auch heute eine enorme Anziehungskraft auf die Künstler und Künstlerinnen aus. Bereits Leonardo da Vinci, einer der größten Meister der grafischen Künste, schrieb in seinem „Trattato della pittura“: „Die Zeichenkunst besitzt so außerordentliche Eigenschaften, dass sie nicht nur den Werken der Natur nachgeht, sondern unendlich viel mehr hervorbringen kann, als die Natur selbst gemacht hat.“ Und diese Aussage wird auch in den Arbeiten auf Papier von Anja Luithle bestätigt. Sie sind mit ihrer Wandlungsfähigkeit und Ausdrucksvielfalt, mit der Verbindung von künstlerischer Autonomie und selbstauferlegter Beschränkung der gestalterischen Mittel ein wesentlicher und besonders faszinierender Teil ihres Gesamtwerks, in dem auf der anderen Seite ihre poetischen und rätselhaften Kunstobjekte ein ähnlich faszinierendes Kapitel bilden.

Der häufig auftretende Bezug zu textilen Stoffen, welcher auch die dreidimensionalen Werke der Künstlerin immer wieder charakterisiert, kehrt in der zweidimensionalen Darstellung eindrucksvoll wieder. Wo der Ausgangspunkt der Zeichnung nach genauem Hinsehen sich als ein gewöhnliches Bettlaken entpuppt, verwandelt es sich auf dem Papier in wundersame Berglandschaften. Aus den Tischtüchern werden wellenförmige Wasserflächen und aus den Vorhängen Gebirgsformationen. So wie bei Louise Bourgeois kreuzt sich auch bei Anja Luithle in der Beschäftigung mit Textilien die eigene Biografie mit einem uralten Symbol der Weiblichkeit. In den Werken äußern sich diese Querverbindungen jedoch keineswegs zu romantisierenden Variationen einer wie auch immer verstandenen "Weiblichkeit", sondern sie werden zu Sinnbildern von Phantasie und Verstand gleichermaßen zu aufgeladenen Projektionen widerstreitender seelischer und mentaler Zustände.

Der Kunsthistoriker und ehemaliger Leiter des Hamburger Bahnhofs - Museums für Gegenwart in Berlin, Eugen Blume schrieb in seinem Essay „Warum gerade Zeichnungen?“: „Was der Zeichner zeichnet, kann er vorher nicht gekannt haben. Es muss etwas in den Zeichnungen sein, mit dem wir als Betrachter übereinstimmen, das etwas in uns aufschließt, was wir mit dem Zeichner gemeinsam haben, ohne dass wir es im Sinne von rationaler Erkenntnis kennen würden. Vielleicht muss etwas im Bewusstsein des Künstlers verrückt worden sein, um die auf einem Blatt Papier gezeichneten Welten in rationale Wirklichkeitserfahrung und irrationale Traumlandschaften aufspalten zu können. Beides ist gleichzeitig vorhanden, die im Material anwesend bleibende Wirklichkeit und die in ihrer gezeichneten Figuration hinzutretende Gestalt des Unbewussten, das mit dem Wort Seele oder Traum allein nicht zu beschreiben ist.“

In diesem Sinne geschieht in Anja Luithles Werk die Darstellung der Gegenstände und ihre Verwandlung in metaphorische Spiegelbilder der Befindlichkeiten überwiegend auf der Ebene der persönlichen Eindrücke und Erinnerungen der Künstlerin, die eine klare emotionelle Inhaltlichkeit vermitteln. Auf der einen Seite sind die Vorlagen gewöhnliche, meist textile Alltagsobjekte ihrer Umgebung, auf der anderen greifen sie auf subjektive Momente aus der Vergangenheit oder auf Ereignisse und Bilder aus der Kindheit zurück, beziehungsweise nehmen zu ihren Träumen und Visionen Bezug, welche auf diese projiziert werden. Aber neben einem wie auch immer gearteten Rückblick in die Vergangenheit berühren diese Arbeiten ebenso die Grundproblemen der unmittelbaren Gegenwart, und zwar gerade durch die Anwendung der Metamorphose als künstlerisches Mittel. In dem vor kurzem erschienenen Buch des unlängst verstorbenen Soziologen Ulrich Beck (The Metamorphosis of the World, Cambridge, 2016) wird diagnostiziert, dass der Begriff Metamorphose in einer aus den Fugen geratenen Welt, die sich auf unerhörte Weise unserem Verständnis immer mehr entzieht, etwas spezifisch Neues definieren dürfte. "Die Welt ist aus den Fugen", schreibt er. "Sie gIeicht einer ausgehängten Tür." Neben diesem trefflichen Vergleich Becks stehen die metaphorischen Gleichnisse von Anja Luithle ebenbürtig und geben dem Betrachter gedankliche Hilfe, über unsere sich rasant verändernde Welt nachzudenken.

Anja Luithle ist auch handwerklich eine "Verwandlungskünstlerin". Ihre auf dem ersten Blick möglicherweise schlicht anmutenden Zeichnungen werden mit subtilen stilistischen Mitteln vielschichtig und beziehungsreich ausgeführt. Neben der nuancierten Farbgebung soll vor allem der Einsatz von fein ausgearbeiteten Liniengeflechten erwähnt werden. Die Linienführungen sind in ihrer Parallelität und wellenartig dahinwogenden Horizontalität zwar flächig angelegt, jedoch wird dieser Eindruck von einem anderen, stärkeren überlagert, von der Wirkung einer illusionistisch die Fläche durchbrechenden Raumbildung. Die farbigen Linien erwandern den Raum auf dem weißen Papier, oder sie sammeln sich zu ausschwingenden Feldern indem sie, jede für sich - aber im Einklang mit den anderen - die gleichen Biegungen, ähnliche Krümmungen machen und dazwischen aber andere Koordinaten formulieren. Und alles geschieht in einem steten Dialog mit dem gegebenen, perspektivisch angedeuteten Gefüge. "The line of beauty and grace", die Linie der Schönheit und Anmut, nannte der englische Maler William Hogarth die ihm eigene wellenartige Linienführung und verfasste darüber eine Abhandlung über das Wesen der Ästhetik. Schön sei die geschwungene Linie, schrieb er, weil sie "das Auge in gefälliger Weise entlang der Kontinuität ihrer Varietät" führe. Sie hält die Balance zwischen Berechenbarkeit und Lebendigkeit. Die Einfachheit der einzelnen Motive und der Kontrast zwischen den leeren Feldern und die exakten Formen weisen einerseits auf Unbeweglichkeit, den Zustand des Statischen hin, andererseits stehen sie im Gegensatz zu einem Reichtum an formaler Struktur der Bilder, welche die banal erscheinende Eindeutigkeit zur geheimnisvollen Vieldeutigkeit verwandelt.

Diese eigenartige Wechselwirkung zielt darauf, in den gewöhnlichen Dingen etwas Neues zu sehen, ja zu entdecken, auch wenn um den Preis der Täuschung. Der französische Maler des Barock, Georges de La Tour sprach oft davon, dass der Mensch sich fortwährend täuscht und diese Täuschung eine eigene, schöne, aber manchmal auch gefährliche Wahrheit besitzt. Für ihn, den Künstler, sei es jedoch eine befreiende Wahrheit. Hatte der antike griechische Philosoph Platon den Malern noch vorgeworfen, sie seien doch Betrüger, weil sie sich dem Schein verschrieben haben und nie etwas Nützliches in die Welt setzten, hieIt La Tour dagegen, dass für den wahren Künstler gerade in der Scheinhaftigkeit der Kunst ihr eigentlicher Wert liegt. Anja Luithles Zeichnungen sind entsprechend reich an visuellen Einfällen, die als Gegenpol zu der vorherrschenden Wirklichkeit neue Bildrealitäten schaffen, und sich als das Territorium erweisen, um Gesehenes und Ungesehenes in einer Weise zu veranschaulichen, die das Verhältnis des Betrachters zur objektiven Welt in einen subjektiven Fragehorizont stellt.

Mit der Zeichnerin und Grafikerin Anja Luithle haben wir eine sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart verankerte Poetin des Raumes vor uns; eine Künstlern, die ihre Alltagsbeobachtungen mit Mitteln von Assoziationen und mittels Bleistift oder Radiernadel, in ein neues Umfeld transferiert. Sie hat ein komplexes zeichnerisches Oeuvre mit berührender Suggestivität geschaffen, in dem sich emotionale Intensität genauso manifestiert wie spielerische Leichtigkeit. Sie will den authentischen, alles umfassenden künstlerischen Zugriff auf die Welt: das poetisch Verspielte und das Verstehen Herausfordernde. Mit ihrer künstlerischen Sprache ermöglicht sie eine Wahrnehmung, die sowohl reale als fiktive Existenzformen zulassen und diese in eine künstlerische Gesamtstruktur einbinden.


Dr. Alexander Tolnay
ehemaliger Direktor des Neuen Berliner Kunstvereins Berlin

Veröffentlicht in "Innenfutter wenden"
Galerie der Stadt Fellbach 2017