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Anja Luithle

 

Eröffnungsrede
Nationaltheater Mannheim

Die Arbeiten Anja Luithles, meine sehr geehrten Damen und Herren, sind durch Merkmale gekennzeichnet, die in besonderem Maße Parallelen haben zum Theater. Rollenspiel, Dialog, Bewegung, Rhythmus, Choreographie, Kleidung als äußeres Zeichen seelischer Befindlichkeit: all dies sind dem Theater eigene Ausdrucksmittel, die aber ebenso grundlegend für Anja Luithles künstlerisches Konzept sind. Insofern ist ihre Installation mit dem Titel „running around“ hier im Foyer des Nationaltheaters eine Präsentation, die sich in diesen spezifischen Rahmen einfügt, aber doch gleichzeitig Irritation hervorruft.

Als Künstlerin ist Anja Luithle keine Bildhauerin im traditionellen Sinne, sie verwendet keine klassischen Materialien wie Bronze, Holz oder Stein. Man könnte sie vielmehr salopp gesagt als Kostümbildnerin und Maschinenbauerin bezeichnen. Das heißt, ihre Materialien sind textile Stoffe in Kombination mit Motoren, Sprachspeichern, Bewegungs- und Geräuschsensoren, seit neuesatem gesteuert über Computerprogramme. Allerdings beschäftigt sie sich in den meisten ihrer Arbeiten mit einem Thema, das so alt ist wie die Kunst selbst, nämlich mit der menschlichen Figur. Sie verzichtet jedoch darauf, den Menschen darzustellen, er bleibt ausgespart, ist präsent nur durch leere anonyme Kleidungsstücke. Diese Hüllen setzt die Künstlerin in Bewegung, es entstehen ganze Handlungsabläufe, die im Betrachter die unterschiedlichsten Stimmungen und Vorstellungen hervorrufen.

Die Installation „running around“ hat Anja Luithle eigends für die Ausstellung, für diesen Ort konzipiert.Während sie sich meistauf Einzelfiguren konzentriert oder Paare gestaltet, hat sie hier erstmals eine größere Gruppe geschaffen. Es sind acht Figuren mit gleichartigen Kostümen, von denen eine allerdings durch eine andere Farbigkeit hervorgehoben ist.Damit wird eine wie auch immer geartete Bedeutungshiercharchie innerhalb der Gruppe suggeriert.

Die Kostüme sind nicht modisch aktuell, sondern zeitlos. Kleidung gab schon immer die Möglichkeit, auf gesellschftlichen Rang hinzudeuten, auf Berufe und Tätigkeiten oder die Zugehörigkeit zu ideologisch bestimmten Gruppen. Noch nie trugen Menschen soviel Beschriftung auf ihren Kleidern wie heute, seien es Markennamen, Werbung, politische Slogans oder solche von Fanclubs. Dadurch, daß Anja Luithles Kostüme aus diesem aktuellen Rahmen fallen, entsteht eine gewisse Distanz zum Betrachter. Man kann sich kein so rechtes Bild von den imaginären Trägerinnen machen. Die Distanz wird zusätzlich gesteigert durch den starren Charakter der Kleider. Es sind keine fließenden Gewänder, sondern eher kokonhafte, panzerähnliche Hüllen.

Auffallend ist die Strenge und Klarheit des Schnittes, schmückende Details werden vermieden. Stattdessen kommt die Stofflichkeit und Farbigkeit des Materials besonders zur Geltung. Anja Luithle benutzt schöne, kostbare Stoffe wie Samt, Satin oder Taft, der orangerot bzw rotgrün schimmert. Durch die Bewegung der Figuren selbst wie auch durch den Standortwechsel des Betrachters verändert sich der Farbeindruck ständig, er lässt sich nicht fassen. Die sinnliche Verführungskraft und Faszination der Roben beruht also auf dieser schillernden, lebendigen Farbigkeit, aber auch von dem taktilen Reiz, der von der Oberfläche ausgeht. Man möchte die Stoffe befühlen und sie spüren. Die Schönheit der Kostüme ist jedoch gebrochen, die EInheit der Figuren ist zerstört, denn sie sind zweigeteilt, zusammengehalten von einem maschinellen Gestänge, das die Bewegung ermöglicht. Bei sechs der Figuren schwingen beide Hälften, angetrieben von Motoren, gegeneinander und drehen sich gleichzeitig ein wenig in der Mittelachse hin und her. Die nach einer bestimmen Choreographie ständig wiederholenden Rhythmen erwecken der Eindruck einer abgehackten, taumelnden, ziellosen Bewegung. Zwei Figuren bilden eine Ausnahmen indem ihre Hälften wie Flügel derart weit ausschwingen, daß sie in die waagrechte geraten und fast abzuheben scheinen. Die ganze Gruppe erscheint wie ein Ballett, das einen skurrilen, bizarren Tanz aufführt. Die Qualität der abrubten Bewegungen ist witzig, komisch und mutet gleichzeitig verzweifelt an. Sie entspricht gewissen Traumsequenzen, in denen manvor einer imaginären Gefahr wegzulaufen sucht, ohne jedoch von der Stelle zu kommen. Ohne menschlichen Bewegungen wirklich zu entsprechen, visualisieren die Figuren die hektische, ziellose Umtriebigkeit heutigen Lebens.

Die Choreographie hat nicht nur der Charakter eines Tanzes, sondern auch eines von Bewegung begleiteten Gespräches. Die Figuren kommunizieren miteinander, einzelne setzen sich in Bewegung, andere scheinen zu antworten, bis schließlich alle in den stummen Dialog einfallen, der unvermutet wieder abbricht. Es entsteht ein Rollenspiel, das nicht nur Ballett, sondern auch theatralisches Bühnengeschehen zu persiflieren scheint. Doch dieses Geschehen findet nicht auf der Bühne statt, wo es von statisch auf ihren Plätzen verharrenden Besuchern wahrgenommen wird, sondern in einem Foyer. Dieses Foyer ist Ort der Begegnung, des Gespräches, des Flanierens vor Beginn einer Vorstellung oder in den Pausen. Es ist also ein Ort der Begegnung, die allerdings eine ganz andere Qualität hat als die der Figurengruppe. Durch deren groteske Choreographie wird die Funktion des Raumes ad absurdum geführt. Der Besucher ist gezwungen, sein Verhalten, seine eigenen Bewegungen zu hinterfragen.

Dies ist übrigens ein weiteres Merkmal von Anja Luithles Arbeiten, daß sich die Wahrnehmung des Betrachters von einer rein visuellen Erfahrung hin zu einer körperlich spürbaren Einbeziehung ausweitet. Man ist psychisch und physisch in das Geschehen involviert. Einerseits verwandeln sich die Objekte durch die Bewegung von einem statischen Gegenüber des Betrachters zu lebendigen Dialogpartnern, andererseits kann sich der Betrachter selbst mit den Figuren identifizieren. Er schlüpft quasi in die leeren Hüllenund vollzieht virtuell die Bewegungen mit. Anja Luithle vermittelt mit dieser Installation eine körperbezogene Reflexion von existentiellen Grundfragen des lebens. Sie führt dies wie in all ihren Arbeiten mittels weiblicher Kleidungsstücke oder Attribute vor. Es scheint, als ob ihr weiblicher Blick allein weibliche Lebenserfahrungen untersuche und durchleuchte. So sind die Figuren auch tatsächlich für die weibliche Betrachterin Identifikationsfiguren, für den männlichen Betrachter dagegen Objekte.Dennoch stehen die zunächst als typisch weiblich verstandenen Verhaltens- und Bewegungsmuster für allgemein menschliche Lebenserfahrungen.

Häufig verwendet Anja Luithle Bilder der inneren Spaltung oder Zweiteilung, Metaphern des Verlusts, Zeichen der gegen sich selbst und gegen andere gerichteten Aggression, psychologische Muster also. mit denen sich jeder, Mann wie Frau identifizieren kann. So vital und witzig die Bewegungen der Gruppe an sich sind, so bedrohlich und verzweifelt muten sie gleichzeitig an. Die Formgebung wie die Motorik sprechen von einer beihnahe traumatischen Lebenssituation. Die Figuren sind gespalten, sie haben ihre Lebensmitte verloren, sie folgen einem Rhythmus, der nicht ihr eigener ist, der von unsichtbarer Hand gesteuert wird. Es entsteht der Eindruck von Verstrickung, von komplizierten Abhängigkeiten. Die Figuren erscheinen als Marionetten, als Kunstfiguren, die Manipulierbarkeit signalisieren und Merkmale ohnmächtiger Haltlosigkeit erkennen lassen.

Kennzeichnend für Anja Luithles Arbeiten ist jedoch, wie ich bereits angedeutet habe, daß sie nie eindeutig zu beurteilen sind. Ihre Wirkung ist stets ambivalent. Das Weiblich-Schöne paart sich meist mit aggressiven, bedrohlichen Momenten. Die Bewegung der Figuren vollzieht sich im Spannungsfeld zwischen Tragik und Koik, zwischen Irritation und Faszination. Sie sind bewegt, verharren aber gleichzeitig auf der Stelle. Der Schönheit des Stoffes widerspricht der Steifheit der Formgebung. Die Farbigkeit lässt sichnicht eindeutig fassen. Die Kleidung kann verstanden werden als Schutzpanzer, aber auch als Zwangsjacke. Die Teilung der Figuren kann nicht nur als Verlust der Einheit, sondern auch als Sprengen einengender Hüllen verstanden werden. Die leeren Hüllen mögen manchem Betrachter wie Kokons erscheinen, die ein Insekt abgeschüttelt hat, um fliegen zu lernen. Diese Sicht betont den Aspekt der Freiheit, nur noch die leere Hülle ist in den fatalen Bewegungsautomatismus gefangen, ihr einstiger Träger hat sich von ihr gelöst.

Anja Luithle formuliert ihr Anliegen,ihr künstlerisches Konzept stets auf eine erzählerische, spielerische, humorvolle Art, voller Witz, Ironie und Sarkasmus. Ihre Arbeiten sind realitätsbezogen, ohne realistisch zu sein. Sie sind kritisch und engagiert, ohne theorielastig zu sein oder zu belehren. Sie sind ästhetisch, ohne lediglich dekorativ zu wirken. Für mich zählen sie zum Besten und Interessantesten im jungen aktuellen Kunstgeschehen.