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Anja Luithle

 

Zwischen Staub und Sternen
Alice Wilke


Stellen Sie sich einmal vor, Sie betreten diesen Ausstellungsraum mit den Arbeiten von Anja Luithle wie ein Fahnder einen Tatort. Im ersten Augenblick erscheint Ihnen noch alles relativ unverdächtig, Sie wurden vorab informiert über den Kontext des Ortes und das Geschehen. Schließlich sind Sie ja einer Einladung gefolgt. Doch jetzt befinden Sie sich mittendrin. Erhöhte Aufmerksamkeit ist gefragt, alle Sinne sind geschärft. Bereit jedes Detail zu betrachten und gewillt, sich die verborgenen Zusammenhänge zu erschließen, sich ein möglichst umfassendes Bild zu machen von der Szenerie, die sich nun darbietet. Es existiert unleugbar eine tiefe Wesensverwandtschaft zwischen einer eingehenden Betrachtung von Kunst und der kriminalistischen Suche nach Spuren und Indizien. Zumindest wenn man den Anspruch teilt, dass die Schönheit eines Kunstwerkes nicht bloß mit rein ästhetischer Wahrnehmung und Empfindung zu tun haben sollte, also nicht ausschließlich visuell begründet wird, sondern dass Schönheit ganz essentiell auch durch den Anspruch an den Intellekt entsteht. Im Werk von Anja Luithle findet der aufmerksame Betrachter beide Aspekte vereint. Zunächst den vordergründigen, visuellen Reiz der Formen, Farben und Materialien, samt der Qualität der Gestaltung – wer mit ihrem Werk vertraut ist, dem muss nicht mehr betonend gesagt werden, das alles bis ins kleinste Detail minutiös und bis zur absoluten Perfektion von Hand gefertigt ist. Von Ihren Objekten wird oft gesagt, dass ihnen etwas sehr Verführerisches anhaftet. Sie sprechen den Betrachter direkt an, man erkennt in der realistischen Art der Darstellung und Nachbildung alltäglicher Gegenstände immer unmittelbar, um was es sich handelt. Doch das ist nur der erste Schritt. Beim genaueren Hinschauen wird man zuweilen recht nachdenklich. Was sagt es mir? Was flüstert mir das Ding? Die Kriminologen wissen, dass Gegenstände sprechen, dass sie imstande sind Geschichten zu erzählen. Es braucht ein gewisses Gespür, um den Dingen letztlich auf den Grund gehen, das gilt im Besonderen für zeitgenössische Kunst. Manchmal wird der gewillte Betrachter von der hermetischen Wirkung eines Werkes allzu schnell abgeschreckt, doch die Bilder und Objekte von Anja Luithle sind in dieser Hinsicht alles andere als abweisend. Bereitwillig folgt man den feinen, von der Künstlerin absichtsvoll ausgelegten Fährten, um den hinter ihrer makellosen Oberflächen verborgenen Erzählungen der Bilder und Objekte auf die Spur zu kommen. Dabei wird man von den eigenen Erwartungen und Erfahrungen geleitet. Die Objekte verlangen nach Konfrontation. So gerät die Auseinandersetzung mit dem Werk zur Zwiesprache des Betrachters mit sich selbst, zur fast schon unwillkürlichen Beschäftigung mit den eigenen Vorstellungen, Ansichten und zuweilen auch instinktiven Vorurteilen.

Erhaben auf einem Sockel mitten im Raum steht ein einzelner Schuh. Das Motiv an sich ist keineswegs ganz neu im Werk von Anja Luithle, denkt man vor allem an die Serie der „casting shoes“ (2012), täuschend echt wirkende Herren- oder Damenschuhe aus Gießharz, die jeweils als Paar, dank einer im Sockel versteckten Motorik rhythmisch auf der Stelle laufen. Das wirkt im ersten Moment recht lustig und ist doch ein Alptraum: Sich bewegen und nicht vorwärtskommen, ein so bekanntes wie unangenehmes Gefühl, das sich in jenen kinetischen Objekten sinnbildlich vermittelt. Allerdings dieser rote Schuh hier ist anders. Er steht einzeln und er steht tatsächlich still. Schwer vorstellbar, wie jemand in diesen mörderischen Absätzen sollte laufen können. Die gewaltig überspitzte Form und die Signalfarbe verweisen also keinesfalls auf den Schuh als alltäglichem Gebrauchsobjekt. Ein extremer Anblick der einen schwerlich kalt lässt. Das seltsam diffuse Gefühl des Begehrens, das er beim Betrachter auszulösen vermag, will sich aber nicht so recht mit dem decken, was man gemeinhin sowohl bei Frauen, wie auch bei Männern schlichtweg als „Schuhtick“ bezeichnet. Jede Liebhaberin (männliche Liebhaber an dieser Stelle nicht ausgeschlossen) kennt aus eigener Erfahrung das besondere Körpergefühl beim Tragen von High Heels, die spürbare Veränderung in Haltung und Gang und die Wirkung, die man unter Umständen damit erzielen kann – eventuelle Schmerzen dabei mit in Kauf genommen. Der Anblick des absurd hohen Absatzes, die Form des Plateau-Stilettos bis zum Grotesken übersteigert, berührt indes eine dunklere Saite der Klaviatur menschlicher Sehnsüchte. Der erste, der derartige Gefühle der Begierde in Worte zu kleiden wagte, war der Franzose Nicolas-Edme Rétif de la Bretonne, der 1769 eine Schrift über seine fetischistischen Neigungen zu Damenschuhen verfasste. Neben dem rein sexuell orientierten Fetisch haftet dem Schuhobjekt von Anja Luithle eine weitere Konnotation an, die sich mit den Worten von Karl Marx als „Warenfetisch“ bezeichnen lässt. Dieser Begriff verweist auf das sonder-bare Verhältnis des Konsumenten gegenüber den vom Menschen hergestellten Produkten, die in einer Gesellschaft als Waren dienen. Den aus materieller Sicht reinen „Arbeitsprodukten“ haftet dann im Zustand der Ware ein Fetischcharakter an. Es handelt sich hierbei um Eigenschaften, die nicht naturgegebenen oder logischen Ursprungs sind, sondern dieser bestimmten Produkten vom Menschen selbst nachträglich zugesprochen werden. Es gibt relativ wenige Waren, die diese Theorie in aller Deutlichkeit so anschaulich werden lassen, wie in Handarbeit hergestellte Frauenpumps, der Effekt ist kalkulierbar und lässt sich in den einschlägigen Boutiquen der Städte gut beobachten. Das an für sich „selbstverständliche, triviale Ding“ verwandelt sich vor unseren Augen in ein Objekt sinnlicher Begierde und löst in uns Reflexe aus, die weit in psychologische Felder wie dem Streben nach Besitz, Reichtum, Schönheit und Macht hineinreichen. Der blutrote Killer-Heel von Anja Luithle indes ist ein Fetisch par excellence. Er verkörpert diesen Mechanismus gleich in dreifacher Hinsicht, denn als Kunstwerk ist ihr Objekt zudem selbst eine Ware und damit potentiell im Stande, die gleichen menschlichen Bedürfnisse nach Status und Anerkennung zu befriedigen wie andere sogenannte Luxusgüter. Es besteht aber ein ganz entscheidender, wesenhafter Unterschied und der macht aus dem profanen Objekt tatsächlich ein Kunstwerk. Es ist das sublime Moment der kritischen Reflexion, das Aufwerfen von Fragestellungen, die nur in diesem Kontext möglich sind. Oder wie es der Künstler Ad Reinhard 1962 in einem Interview formulierte: „Art is art-as-art, and everything else is everything else.“ Der Rätselcharakter der Kunst will ausgehalten sein. Das muss nicht frustrieren, im Gegenteil, es beflügelt die Phantasie. So bleiben bei dem einsamen Plateauschuh von Anja Luithle Fragen für immer offen. Welches Aschenputtel mag ihn wohl zurück gelassen haben? Durch den Namen der Arbeit, „Das Erbe“ schwingt dann obendrein ein Hauch von Traurigkeit mit. Der melancholische Titel transportiert vage ein Moment der Erinnerung an einen Menschen. Das rote Erbstück hinterlässt, je mehr man darüber nachdenkt, einen starken Eindruck von Schicksalshaftigkeit. Häufig ist man bei Anja Luithle unwillkürlich verleitet, die Dinge zu personifizieren. Ihre Objekte werden in unseren Augen immer zu Stellvertreterfiguren für Personen und Charaktere, deren Stärken und Schwächen man darin zu erkennen glaubt. Jemand, der solche Absätze zu tragen bereit ist, will auf jeden Fall ganz hoch hinaus. Ist er angekommen oder hat er aufgegeben? Der Schuh wird zum Sinnbild, nicht für den zähen Wanderer über weite Distanzen, sondern für den sprichwörtlichen Griff nach den Sternen, das fortwährende menschliche Streben und Leiden, für den naiven Glauben an den Mythos vom Tellerwäscher. Dabei kullert einem der Felsbrocken an der Spitze des Berges auf anderen Seite doch wieder talwärts. Außer Albert Camus selbst hat das kaum einer jemals in schöneren Worten formuliert als F. Scott Fitzgerald in seinem Meisterwerk The Great Gatsby, wo es ganz am Ende lautet: „Gatsby glaubte an das grüne Licht, die wundervolle Zukunft, die Jahr für Jahr vor uns zurückweicht. Damals entwischte sie uns, aber was macht das schon – morgen laufen wir schneller, strecken die Arme weiter aus … Und eines schönen Tages… So kämpfen wir weiter, wie Boote gegen den Strom, und unablässig treibt es uns zurück in die Vergangenheit.“

Auch wenn man es im ersten Moment kaum vermuten mag, so steht der aberwitzige Schuh, der rein optisch wohl ebenso einem Cartoon entsprungen sein könnte, thematisch in enger Verknüpfung zu einer Serie von Linoldrucken, die Anja Luithle in jüngster Zeit begonnen hat, und die, zwar in anderer medialer Form, aber gleichermaßen ironisch Menschliches und Allzumenschliches verhandelt. In dieser Serie kombiniert sie einzelne, ausgesuchte Bildsequenzen der erfolgreichen französischen Comicserie Asterix mit lateinischen Zitaten antiker römischer Dichter, die über die Jahrhunderte zu geflügelten Worten geworden sind. Die Verknüpfung beider Elemente zu einem einzigen Sprachbild liegt nahe, hat doch so mancher in frühen Jahren seine ersten lateinischen Vokabeln dank der Asterix-Hefte gelernt. Auf einem der Drucke ist in spiegelverkehrter Schrift der Spruch „per aspera ad astra“ zu lesen. Die Redewendung „durch den Staub zu den Sternen“ entstammt ursprünglich der Tragödie Hercules furens des römischen Literaten und Philosophen Seneca (1-65 n.Chr.). Im zweiten Akt des Stückes bietet Megara, die mutige Ehefrau von Herkules, von dem sie hofft, dass er der Unterwelt wird entkommen können, dem Tyrannen Lycus mit den folgenden Worten die Stirn, „Nicht mühelos [sei] der Weg, der von Erden hinauf zu den Sternen führt.“ Natürlich drückt sich Megara sehr gewählt aus, ganz wie es einer Königstochter gebührt. Etwas handfester formuliert es dagegen in der Comicsequenz die Köchin, die Asterix und Obelix gleich in zweifacher Hinsicht eine deftige Mahlzeit auftischt mit dem Motto „Ohne Fleiß keinen Preis“. Köstlich amüsant ist dabei die lautmalerische Verwechselung von Fleiß und Fleisch. Eine ganz ähnliche Kombination von Ironie, Wortwitz und erprobter Lebensweisheit findet sich auch in den beiden anderen Bildern dieser Serie. Das Zusammenspiel von Bild und Vers, die sich in ihrer Aussage und Bedeutung doppeln, hat kunsthistorisch betrachtet eine lange Tradition. Die Emblematik, die Kunst der sinnbildlichen Darstellung, die ihre Blütezeit im 16. Jahrhundert erlebte, ist gekennzeichnet durch eine besondere, zuweilen sehr rätselhafte Verbindung von Bild und Text, deren Inhalte sich stets direkt aufeinander beziehen. Embleme, in der Regel Holzschnitte, zeigen meist allegorische Darstellungen, aus deren Deutung heraus sich ethische oder moralische Verhaltensregeln ableiten lassen. Abgesehen von der strengen Dreiteilung der klassischen Embleme in Überschrift (Lemma), Bild (Icon) und Text (Epigramm), lassen sich die, ebenfalls im Hochdruckverfahren hergestellten Linolschnitte von Anja Luithle als eine zeitgemäße Neuauflage dieser Bildtradition begreifen. Bei Ihren Emblemen rutsch lediglich die Überschrift an die Stelle des Epigramms. Der Text wiederholt als Variation die Aussage des Bildes und umgekehrt, wodurch der Sinn gedoppelt und damit zugleich verstärkt wird. Wahr, wie wahr. Die verschiedenen Funktionen des Emblems als intellektuellem Spiel, als Instrumentarium humanistischer Bildung, als Vehikel zur Überlieferung bestimmter Bildmotive, finden sich grundsätzlich in der Bildserie von Anja Luithle wieder. Die Comicszenen, gleichermaßen wie die lateinischen Verse sind im Einzelnen allgemein bekannt, gehören zum abendländischen Kulturgut. Die Art und Weise der Kombination verschiedener Elemente aus Hoch- und Populärkultur ist das eigentlich Spannende und Neue bei diesen Druckgraphiken.

Eine besondere Spielart der Kombinatorik findet sich des Weiteren bei der dreiteiligen Installation im zweiten Raum der Ausstellung. „Esel durch die Maschen ganz oben irren / es wird mit mir das Haus bügeln / die Puppen verspielt auswendig inwendig / unverblümt durch die Wände lachen / um den Verstand ein fünfter Freund.“ Was klingt wie ein Stück dadaistischer Poesie aus dem literarischen Werk von Kurt Schwitters, ist tatsächlich eine zufällige Aneinanderreihung der Wortbausteine und Satzfragmente auf den insgesamt 18 Schildern der sich langsam um die eigene Achse drehenden Wegweiser. Bei der Installation handelt es sich um die kinetische Konstruktion einer sogenannten „Titelmaschine“. Unglaubliche 36 hoch 35 mögliche Kombinationen und noch mehr Variationen lassen sich mit Hilfe dieses Instrumentariums generieren. Eine äußerst nützliche Apparatur um sich die qualvolle Suche nach geeigneten Werktiteln zu erleichtern. Jedes Schild ist von Hand bemalt, die Worte in einer Typografie, welche leicht an jene Schönschrift erinnert, die René Magritte in seinen berühmten Sprachbildern verwendet hat. Mit jeder Bewegung der einzelnen, unabhängig voneinander rotierenden Schilder entstehen und vergehen vor dem geistigen Auge des Betrachters komplexe Ideenkonstellationen und Gedankenbilder. Die Titelmaschine ist eine poetische Skulptur, die sowohl vertikal als horizontal ausgerichtet und daher in gleich mehreren Denkrichtungen, kreuz und quer, lesbar ist. Form und Struktur der Maschine lassen sich genealogisch zurückführen auf die in Kultur- und Wissensgeschichte relevante Figur des Alphabetbaumes. Anhand der natürlich gewachsenen Struktur des Baumes ordnet sich das Denken der Welt in Kategorien entlang von Ästen und Verzweigungen. Die Gestalt des Baumes als einem dynamischen Modell zur Gliederung und Ordnung von Wissen wurde ursprünglich im 13. Jahrhundert von dem katalanischen Philosophen Raimundus Lullus (1232-1316) entwickelt. Das Ordnungssystem seiner Kombinatorik (Ars magna) hat eine enorme Reichweite erfahren, bis in die Logik moderner Computerentwürfe. Seit dem Mittelalter besteht, nachweislich anhand der Überlieferung bildhafter Darstellungen, eine enge Verbindung zwischen der Figur des Baumes und dem Alphabet. Der Baum ist ein Instrument zur bildhaften Demonstration von Sprache. Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho schreibt in seiner Abhandlung über jene bildhaften Baumstrukturen: „Sie transponieren Geschichten, Wissensordnungen, horizontale und vertikale Konjunktionen. Als Gestalten zeigen sie an, was sie bewirken wollen: das Wachstum, die Vermehrung und multi-perspektivische Verzweigung eines Wissens, das sich in Bildern ebenso artikuliert wie in Zahlen oder in den Buchstaben der Schrift.“ Bei der fabelhaften Titelmaschine von Anja Luithle wird Dichtung zum Spiel. Ihre Wortbäume sind genau genommen visuelle Poesie, von der Fläche des Papiers in den dreidimensionalen Raum gebracht. Das Gedicht wird zum Kreislauf, der Fluss der Worte erinnert den Leser an das beständige Werden und Vergehen der Dinge.

Und so kommt man in ihrem Werk erneut von einer zunächst überschaubaren äußeren Gestalt auf einen tief philosophischen Gehalt. Alle Arbeiten zirkulieren, mal weiter ausgreifend mal enger kreisend, um die mehr oder weniger harmlosen, mehr oder weniger boshaften, schamhaften Eigenheiten und Ausprägungen seelischer Befindlichkeiten. Es geht dabei keineswegs um eine simple und kurzsichtige Einteilung in Gut und Böse – wie man vordergründig vielleicht vermuten könnte bei ihren großformatigen Linoldrucken von Wölfen und Schafen. Das Positiv-Negativ-Verfahren der Abbilder täuscht, die Assoziationen laufen weiter, wie die Mechaniken ihrer kinetischen Objekte und Installationen. Es geht um ein gewolltes auf die Spitze treiben von Vorstellungen, die erst in ihrer klischeehaften Übertreibung die schmerzliche Wahrheit unserer Unzulänglichkeiten deutlich zu Tage treten lassen. Auch hier ist das konkrete Bild eng verwoben mit dem System der Sprache. Geflügelte Worte sind in ihrem Werk allgegenwärtig, der Subtext läuft im Hintergrund mit, auch dort, wo er nicht in Lettern lesbar wird. Mit den Wölfen heulen – oder eher sich in der Herde treiben lassen, ein Alphatier sein oder doch lieber in der Menge verschwinden? Der Mensch ist und bleibt doch das seltsamste Tier aller Tiere. Und auch hier hat Anja Luithle den passenden lateinischen Vers zur Hand: homo homini lupus, ein Zitat des römischen Komödiendichters Titus Maccius Plautus (250-184 v.Chr.), das vor allem durch den britischen Staatstheoretiker Thomas Hobbes (1588-1679) berühmt wurde: „Der Mensch ist ein Wolf für den Menschen“. Wie in jeder Gesellschaftsform, so gibt es auch in der Kunstwelt zugleich offenkundige und ausgeklügelte Hierarchien. Hier gilt, genau wie andernorts, das Wetteifern um die besten Plätze innerhalb der Rangordnung, der Kampf um Prestige und Anerkennung. Wer nichts zu riskieren bereit ist, der wird auch niemals die anderen überragen: Aus der Masse heraus stechen wollen – auch das erzählt die Geschichte vom roten Schuh, der zum Symbol wird für all die tragischen Ikarus- und Sisyphos-Akteure in diesem Schauspiel zwischen Staub und Sternen, das wir Leben nennen und in welchem wir nicht aufhören wollen zu hoffen, wenigstens einmal für 15 Minuten berühmt zu sein. Die Arbeiten von Anja Luithle reflektieren auf ihre ganz persönliche Art der Selbstbefragung – cogito ergo sum (sum sum) – die Facetten des Künstlerdaseins, doch immer mit einem selbstironischen Zwinkern im Auge. Am Schluss des Rundgangs prangt ein schlichtes Bild an der Wand mit dem Satz: „Alle Künstler sind gleich, doch manche sind gleicher als andere“. Ein weiterer Sinnspruch aus dem Reich der Weltliteratur, der abgewandelt und verpflanzt in den gegenwärtigen Kontext leicht spöttisch das Kunstsystem als Ganzes und gleichermaßen die eigene Rolle und das eigene künstlerische Schaffen beleuchtet. Humor ist und bleibt die beste Waffe. Wäre doch gelacht, wenn Anja Luithle sich mit ihrem Werk am Ende nicht erfolgreich gegen dieses Diktum zur Wehr setzen würde.




1 Nicolas-Edme Rétif de la Bretonne, Le pied de Fanchette, ou l'Orpheline française; histoire intéressante et morale, Eslinger/Humblot 1769; Éditions Garnier 2011.
2 Karl Marx, “4. Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis“ in: Karl Marx. Friedrich Engels. Werke, Dietz Verlag Berlin, 1962, p.85-98.
3 Ad Reinhardt, as quoted in: Barbara Rose (ed), Art As Art. The Selected Writings of Ad Reinhardt, University of California Press, 1975, p.53.
4 Albert Camus, The Myth of Sisyphus And Other Essays, Vintage Books, Reissue Edition, 1991.
5 F. Scott Fitzgerald, The Great Gatsby, Wordsworth Editions Limited, Hertforshire, Reissue Edition 1993, p.115.
6 “Non est ad astra mollis e terries via”, Charles Beck (ed), Tragedy of Seneca, Boston: James Munroe and Company, 1845, p.21, line 437.
7 Thomas Macho, “Die Bäume des Alphabets”, in: Neue Rundschau, 116. Jahrgang / # 2, Frankfurt am Main, 2005, p.66-80.
8 “lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.“, Plautus, Asinaria, line 495. http://www.thelatinlibrary.com/plautus/asinaria.shtml
9 Thomas Hobbes, as quoted in: Sir William Molesworth (ed), Thomas Hobbes of Malmesbury, Vol. II, London John Bohn, 1841, p.ii.
10 Paraphrased from George Orwell’s novel Animal Farm (1945). The single commandment for the pig-governed animal community is: „All animals are equal, but some animals are more equal than others.“ George Orwell, Animal Farm. 1984, Harcourt Books, 2003, p.80.


Katalogtext "ganz oben rückwärts um die Ecke", Künstlerhaus Saarbrücken 2013